Stand 24.04.2009
localLife April 2008
In Neuhausen zu Hause:
die Frauen-Computer-Schule
In der Nähe vom Rotkreuzplatz gibt es die Schlossallee - sagen die Frauen der Computer-Schule (FCS). Genau genommen handelt es sich bei ihrer Schlossallee um unsere Frundsbergstraße. Aber sie finden es einfach schöner, die Straße, in der sie mehrere Schulungsräume unterhalten, Schlossallee zu nennen. Gut, die Mietpreise erinnern vielleicht dezent an das Monopoly-Spiel. Aber keine der Frauen würde je in ein normales Bürogebäude umziehen wollen. Denn wie kann dort entspannte Lernlaune gedeihen? Und wo kann frau die Mittagspause angenehmer verbringen als dort, wo Ruffini, Löwengarten und Pardi gleich ums Eck zu finden sind?
Wir besuchen das Büro in der Volkartstraße um die Frauen-Computer-Schule ein wenig kennen zu lernen. Einrichtung und Atmosphäre sind locker, alles wirkt wie ein freundliches soziales Projekt. Aber der Eindruck täuscht. Die FCS ist ein ganz normales Unternehmen - ein mittelständisches Unternehmen mit 10 festen Mitarbeitern und 50 Freien. 1990 gegründet, 1995 mit dem Anita-Augspurg-Preis der Stadt München ausgezeichnet, 1999 von der Gesellschaft bürgerlichen Rechts in eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft umgewandelt. Es gibt zwei Vorstände und einen Aufsichtsrat. In guten Geschäftsjahren erhalten die rund 180 Aktionärinnen eine Dividende in Höhe von 7 Prozent.
Dort in der Frauen-Computer-Schule AG ist einiges anders. Und doch ganz normal. Wir sprachen mit Sandra Krust, einer von zwei Vorstandsfrauen, und Christa Unsinn, einer der dienstältesten Dozentinnen.
Schule = Spaß + Sinnlichkeit
"Nur wer sich wohl fühlt, lernt gut. Wer Stress fühlt, lernt nichts." Dieser Satz stammt nicht vom bayrischen Kultusminister - leider. Aber er steht im aktuellen Programm der FCS, und er ist wirklich ernst gemeint. Wer sich dort nämlich zu einem Kurs anmeldet, wird in Gruppen mit maximal 11 Teilnehmerinnen mit allen Sinnen angesprochen. Dass rechte und linke Gehirnhälfte zusammenarbeiten wollen, gehört zu den Grundsätzen der FCS-Pädagogik. Weshalb auch sehr viel Wert auf Veranschaulichung, gegenständliches Begreifen und Lernspiele gelegt wird. Sandra Krust, für die es übrigens normal ist, auch als Vorstand selbst zu unterrichten, berichtet, dass sie den Datentransport auch gern mal als Brötchenbackmaschine darstellt, um Technik zu entmystifizieren. "Bei uns stehen die Dozentinnen nicht über den Teilnehmern. Sie haben nur einen Wissensvorsprung und tun alles dafür, die Kursteilnehmer mitzunehmen", erklärt sie uns. Und sie verrät, dass sie auch schon mal einer Teilnehmerin, die glaubte nichts verstanden zu haben, zwei Stunden Einzelcoaching verordnet haben, um die Lernsperre wieder zu lockern. Mit Erfolg natürlich.
"Frauen schulen Frauen"
Unter diesem Motto ist die FCS, die übrigens an einem Küchentisch entstanden ist, einst gestartet. Heute wird das etwas lockerer gesehen, auch Männer gehören zu den Kunden. Am wichtigsten seien reine Frauenkurse für die Einsteigerinnen, sagt Sandra Krust. "Es gibt immer noch Frauen, denen der Computer von Mann und Kind erklärt wird. Und bevor sie nachdenken können, hat der andere die Maus schon wieder selbst in der Hand. Diesen Frauen geben wir den Raum, sich selbst und ohne Stress mit einem Thema auseinanderzusetzen." Ob Frauen anders lernen als Männer, wollen wir wissen. Christa Unsinn meint: "Frauengruppen sind immer viel lustiger." Und Sandra Krust ergänzt: "Heute morgen hat eine Frau einen Kurs abgesagt. Sie erzählte mir, dass sie ihren Job verloren habe und sich erst einmal neu aufstellen müsse. Können Sie sich vorstellen, das so von einem Mann zu hören?" Können wir nicht. Schön, dass es in der FCS noch viele reine Frauenkurse gibt. Auch schön, dass das Angebot für Teilnehmer beiden Geschlechts trotzdem wächst.
Geld verdienen
Lässt sich mit Wohlfühlatmosphäre etwa Geld verdienen? Ja. Die FCS ist gut im Markt verankert, und die Nachfrage nach ihren Leistungen steigt merklich. Selbst in der wirtschaftlich schwierigen Zeit Anfang des neuen Jahrtausends hat die FCS überlebt - was viele Schwesterprojekte in anderen Städten nicht von sich sagen können. Vielleicht lag es daran, dass die FCS nie zu stark von Fördergeldern abhängig war?
Zu den Kunden zählen heute Menschen aus dem Großraum München, und es gibt immer wieder auch Interessenten in anderen Städten. Von einem Kurs in Kempten/Allgäu erzählt uns Sandra Krust, und von Interessenten bis hin zum Nürnberger und Stuttgarter Raum. "Jüngst hatten wir sogar eine Anfrage aus Dresden. Aber das war uns dann doch zu weit weg. Viele unserer Dozentinnen haben hier Familie, da ist das eher nichts."
Natürlich arbeitet die FCS auch in öffentlich geförderten Projekten mit, bei denen es darum geht, die Qualifikation marktgerecht zu aktualisieren. EQUAL II war beispielsweise eine solche Maßnahme. Fast 400 Teilnehmerinnen - Langzeitarbeitslose, Berufsrückkehrerinnen, von Arbeitslosigkeit bedrohte Frauen, Migrantinnen und Selbstständige - haben sich für Computeraufgaben qualifizieren lassen. Jetzt läuft "Jobfit", ein vom Referat für Wirtschaft und Arbeit der Landeshauptstadt München gefördertes Kooperationsprojekt rund um die Weiterbildung im Office-Management.
Und zunehmend mehr sind es auch mittlere und große, namhafte Unternehmen, die ihre Mitarbeiter von der FCS schulen lassen. Teilweise sogar ganz exklusiv. Ob sie dafür die Werbetrommel rühren müsse, wollen wir von Sandra Krust wissen. Diese lacht und sagt, dass der Ruf der FCS ein sehr guter sei. Der eile ihnen nun mal voraus.
Karriere machen
Christa Unsinn war eine der ersten Kundinnen der FCS. Sie arbeitete im grafischen Gewerbe und vertiefte ihr jetzt Wissen hier. Als erkennbar wurde, dass sie vorhatte, alle Kurse durchzubuchen, luden sie die beiden damaligen Eigentümerinnen der FCS zu einem Essen ein, um mehr über die eifrige Kundin zu erfahren. Seitdem gab sie selbst Kurse, bis sie sich selbst vor kurzen nicht mehr reden hören konnte. Im Moment sorgt sie für das passende Layout des Programms: das ist nun hochkant - und soll in jeder Handtasche Platz finden.
Sandra Krust war (und ist es noch!) Heilpraktikerin, als sie begann, das Büroteam zu unterstützen. Auch sie hat alle Kurse durchlaufen, später selbst unterrichtet. So lag es nahe, die sie einen der Vorstandposten übernehmen würde. Gefragt, getan. Und von allen gewählt.
"Die meisten von uns vereinen die unterschiedlichsten Leben", erzählt die Vorstandsfrau, "auch die Dozentinnen sind in den wenigsten Fällen einfach Lehrer". In der FCS basteln die Frauen eben individuelle Biografien. Unqualifiziert ist keine. Eher im Gegenteil. Aber das macht es gerade aus.
Lernen und Wissen
Über 40.000 Teilnehmer haben inzwischen die FCS besucht. Heute sind es pro Jahr rund 3.500 Menschen, die in den Räumen der Schlossallee ihr Wissen vertiefen. Seit Männer dabei sind, kommen beispielsweise Senioren, die sich einen neuen Apple-Rechner gegönnt haben und nun in einem der Kurse "Generation 50plus" erfahren wollen, wie dieser zu bedienen ist. Es kommen nun - mit den Schülerinnen - auch Schüler, denen in nur vier Stunden beigebracht wird, die Tastatur über Assoziations- und Visualisierungstechniken - und ein wenig Übung zwischen den beiden Kurseinheiten - in den Kopf zu bringen. Viele der Kurse drehen sich um Windows und Büroanwendungen. Auch für Apple-Fans werden Grundlagen geschult. Wer individuelle Beratung und Trainings wünscht, wird fündig. Auch wer die Internetnutzung kennen lernen oder den eigenen Internet-Auftritt auf die Beine stellen will oder Unterstützung für sein E-Mail-Marketing sucht. Sehr groß ist das Angebot für die professionelle Gestaltung. Dazu kommen allgemeine Akademie-Themen, geförderte Bildungsprojekte und Weiterbildung in Kooperation.
Ob alles nur Spaß mache, wollen wir am Ende unseres Gesprächs wissen. Immerhin steht im Programm ein Satz wie dieser "Manchmal wünschen wir uns die Unveränderlichkeit eines Mathe- oder Lateinunterrichts": Sandra Krust lacht und erklärt uns das Einerseits-Andererseits bei Entscheidungen wie der, wie stark die FCS ihre Ausbildung auf das neue Betriebssystem Windows Vista abstellen soll: "Es gibt die Nachfrage nach Vista, denn wer einen neuen Rechner kauft, kauft auch die neuste Software. Aber wir haben eben auch Kunden, die sich aus besten Gründen nicht darauf einlassen. Wir müssen zweigleisig fahren." So ist es, das spannende Unternehmerinnenleben. Keine der FCS-Frauen würde je wieder darauf verzichten wollen.
